Katharina von Kardorff-Oheimb 1927

Katharina von Kardorff-Oheimb (März 1927) Foto o.A. Quelle: Bundesarchiv

Veröffentlichung Dissertation

Aktuell überarbeite ich meine Dissertation für die Veröffentlichung, vorgelegt im August 2013 unter dem Titel: „‚Kathinka‘ in der Weimarer Republik: prominente Frau der Politik. Biografie der Fabrikantin, Reichstagsabgeordneten, Vereinsgründerin, Salonnière und Publizistin Katharina von Kardorff-Oheimb (1879-1962).“ Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln im Fach Mittlere und Neuere Geschichte.

Katharina von Kardorff-Oheimb war eine der bekanntesten Politikerinnen der Weimarer Republik. Dies zumindest las ich während meiner ersten Recherchen in verschiedenen Berichten, die nach 1945 an die einstige Reichstagsabgeordnete (1920-1924 für die Deutsche Volkspartei) erinnerten, gepaart mit etlichen Anekdoten rund um ‚Kathinka‘, die im politischen Berlin der 1920er Jahre offensichtlich eine Ausnahmeerscheinung war. In der wissenschaftlichen Literatur ergab sich ein weniger bedeutsames und eher diffuses Bild der Akteurin. Zwar begegnet sie in Untersuchungen zur historischen Parlamentarismus-, Parteien- und Frauenforschung, spielte in dem jeweils analysierten Feld aber nur eine Rolle am Rande. Die hier aufscheinende Ambivalenz aus einstiger Prominenz und heutiger Marginalisierung theoretisch zu verstehen und bisherige Leerstellen im Wissen um die historische Akteurin zu füllen, war der hauptsächliche Antrieb für mich, die erste wissenschaftliche Einzelbiografie zu Katharina von Kardorff-Oheimb zu verfassen.

Multiperspektivische Herangehensweise

Auf Grundlage aktueller Theorie- und Methodendebatten rund um die Form „Biografie“ entwickelte ich ein Konzept, das die Politikerin aus verschiedenen Perspektiven heraus konstituiert. Kapitel 1 verfolgt den Prozess ihrer Prominenzierung im Verlauf der 1920er Jahre und arbeitet in einer qualitativen Analyse der Sichtweisen auf die Politikerin im Kontext zeitgenössischer Diskurse heraus, dass im damaligen Schreiben über Kardorff-Oheimb solche Konstruktionen dominierten, die sie entweder als „Persönlichkeit“ oder als „große Dame“ in der Politik repräsentierten. Kapitel 2 untersucht die habituellen Dispositionen, mit denen Kardorff-Oheimb nach dem Ende des Ersten Weltkriegs das politische Feld betrat. Zunächst werden ihre katholisch-bürgerliche Sozialisation als Tochter einer vermögenden Kaufmannsfamilie in Neuss, dann die ökonomischen Grundlagen und kulturellen Ausdrucksformen einer großbürgerlichen Lebensführung dargestellt, welche die Akteurin während ihres zweiten Ehelebens Anfang des 20. Jahrhunderts in hessischen Industriekreisen aneignete. Hierauf gründete sich jene ökonomische Unabhängigkeit, die es Kardorff-Oheimb nach Einführung des Frauenstimmrechts im November 1918 überhaupt ermöglichte, ihrer „Berufung“ in die Politik zu folgen. Zugleich kollidierte ihre neue Selbstbestimmung mit den Anforderungen, die sich an ihre Rolle als Fabrikbesitzerin und Mutter stellten. Harmonisch dagegen bedienten sich großbürgerlicher Habitus und politische Partizipation im politischen Salon, den die Reichstagsabgeordnete 1920 in Berlin einrichtete und über ihre Mandatszeit hinaus fortführte.

Partizipation in Publizistik, Partei und Parlament

Kapitel 3 bis 6 analysieren verschiedene Aspekte und Kontexte der Partizipation Kardorff-Oheimbs während der Weimarer Republik, angefangen mit ihrer Entwicklung zu einer politischen Meinungspublizistin über Parteikreise hinaus (Kapitel 3). Dabei kommen auch ihre Tätigkeiten in politologischen Zusammenhängen in den Blick, denn nicht nur organisierte Kardorff-Oheimb sogenannte Reichskurse für die Deutsche Hochschule für Politik, sondern sprach regelmäßig über politische Themen an der Lessing-Hochschule in Berlin. Viereinhalb Monate lang brachte sie auch ein eigenes Blatt, die Aktuelle Bilder-Zeitung (ABZ) heraus und veröffentlichte zum Ende der 1920er Jahre hin verstärkt politische Kommentare in der bürgerlich-liberalen Presse der Weimarer Republik. In der Untersuchung von Kardorff-Oheimbs parteipolitischer und parlamentarischer Praxis (Kapitel 4) wird zunächst ihr engagierter Einsatz in der Aufbauphase der Deutschen Volkspartei (DVP), insbesondere in der volksparteilichen Frauenorganisation vorgestellt. Nach ihrer Wahl in den ersten Reichstag 1920 versandete ihr politisches Engagement im Regelwerk des parlamentarischen Spiels, in dem die Abgeordnete an der legislativen Arbeit des Reichstags kaum mitwirkte. Stattdessen verstrickte sich Kardorff-Oheimb in den parteiinternen Richtungskämpfen um eine Mitte- oder Rechtsstellung der DVP innerhalb des bürgerlichen Parteienspektrums und positionierte sich mit einem expliziten Bekenntnis zur republikanischen (als der gegebenen) Staatsform auf einem linken Parteiflügel – der gegen die schwer-industrielle und rechtsoppositionelle Mehrheit in der DVP indes kaum etwas ausrichten konnte. Zudem fehlte Kardorff-Oheimb, die durch persönliche Beziehungen über die DVP hinaus politisch weit vernetzt war, ein breiterer Rückhalt in den relevanten Parteiorganisationen; 1925 verließ sie schließlich im Konflikt mit dem Parteivorsitzenden Gustav Stresemann die DVP. Ihr bald darauf erfolgter Eintritt in die Reichspartei des deutschen Mittelstandes (Wirtschaftspartei) begründete kein dauerhaftes Engagement; im März 1927 gab die Politikerin gleichzeitig mit der Verlobung mit ihrem früheren Fraktionskollegen Siegfried von Kardorff ihren Austritt bekannt und sollte erst nach 1945 wieder Mitglied einer politischen Partei – der Liberaldemokratischen Partei Deutschlands – werden.

Frauenbewegt am Rande der Frauenbewegung

Die dritte Perspektive auf Kardorff-Oheimbs Partizipation während der Weimarer Republik folgt ihren Aktivitäten in politischen Frauenkontexten (Kapitel 5). 1919 und 1930 gründete sie je einen Frauenverein – den Nationalverband deutscher Frauen in Goslar und die Nationale Arbeitsgemeinschaft in Berlin –, der mittels politischer Bildungsveranstaltungen auf die „politische Aktivierung“ von Frauen bürgerlicher Herkunft zielte. In den ersten Jahren nach Kriegsende agierte Kardorff-Oheimb noch in einem rechtsbürgerlichen, politisch konservativen Frauenvereinswesen, das vor allem im „Kampf gegen Versailles“ eine starke Kohäsion aufwies. Der Konsens in nationalen Fragen brach Mitte der 1920er Jahre endgültig auf, als Deutschland unter dem volksparteilichen Außenminister (und Reichskanzler) Stresemann eine außenpolitische Wende vollzog – und sich Volksparteilerinnen von den „nationalistischen Frauen“ zu ihrer Rechten distanzierten. So auch Kardorff-Oheimb, die sich 1924 als Vorsitzende einer Wohltätigkeitsinitiative persönlichen Diffamierungen durch deutschnational affiliierte Frauenorganisationen ausgesetzt sah. Für mehrere Jahre gab sie ihr vereinspolitisches Engagement auf, bis sie Ende der 1920er Jahre zurück in die politische Frauenarbeit drängte und dabei auch Kontakte in die internationale Frauenbewegung knüpfte. Als Multiplikatorin frauenpolitischer Forderungen wirkte sie in bewegungsferne Kreise hinein, blieb in ihrer eigenen Positionierung innerhalb der organisierten Frauenbewegung allerdings auf eine eher repräsentative Rolle am Rande verwiesen.

Liebe und Politik

Im Mittelpunkt des letzten Kapitels steht Kardorff-Oheimbs Beziehung zu Siegfried von Kardorff, die 1927 in ihre vierte und letzte Eheschließung mündete (Kapitel 6). Ab 1920 bildete die Liebe zu ihrem Fraktionskollegen eine solch starke Konstante im Leben Kardorff-Oheimbs, dass ohne eine nähere Betrachtung derselben eine wesentliche Perspektive auf die Biografie der Politikerin fehlen würde. In der Vorstellung einzelner Aspekte ihrer politischen Aktivitäten, die sichtbar durch diese Paarbeziehung mitgeformt waren, wird das Bemühen Kardorff-Oheimbs sichtbar, als aktive politische Frau ihre eigenen Erwartungen, Projektionen und Bedürfnisse mit und in dieser Beziehung in Einklang zu bringen – ein Versuch, der wiederholt zu Konflikten führte und das Selbstverständnis der Politikerin und Ehefrau vor Herausforderungen stellte.

 

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